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East Side Gallery Wandbilder — die Geschichten hinter der Kunst

East Side Gallery Wandbilder — die Geschichten hinter der Kunst

Die East Side Gallery ist die meistbesuchte Freilichtkunstausstellung Deutschlands. Sie ist auch eine der am meisten missverstandenen. Die meisten Besucher fotografieren zwei oder drei der bekanntesten Wandbilder und gehen weiter — ohne die Tiefe der einzelnen Werke und den historischen Moment, den sie dokumentieren, zu erfassen.

Dieser Beitrag handelt von den Geschichten — womit die Künstler 1990 reagierten, wie die Gemälde überlebt haben und sich verändert haben, und welche Wandbilder es wert sind, langsamer zu werden. Für die praktische Logistik, die Geschichte des Mauersegments und eine vollständige Wanderroute: Ratgeber zu East-Side-Gallery-Wandbildern und vollständiger East-Side-Gallery-Ratgeber.

Was hier 1990 geschah

Im Februar 1990, vier Monate nach dem Mauerfall, lud eine Organisation namens Künstler für offene Grenzen 118 Künstler aus 21 Ländern ein, die östliche Seite eines erhaltenen 1,3-Kilometer-Abschnitts der Berliner Mauer in Friedrichshain zu bemalen. Die Westseite war bereits mit Graffiti bedeckt — Westberliner hatten sie jahrelang als Akt der Aneignung bemalt. Die Ostseite war als steriler Todesstreifen erhalten geblieben, von Osten her unerreichbar.

Die Gemälde von 1990 handelten nicht nur vom Mauerfall. Sie entstanden in einem Moment außerordentlichem politischen Wandels — zwischen der Grenzöffnung und der formellen Wiedervereinigung Deutschlands im Oktober 1990. Die Künstler reagierten auf eine Welt, die in Echtzeit neu gestaltet wurde. Ihre Themen umfassen Freiheit, Teilung, utopische Bestrebungen, Machtsatire, Atomangst und die besondere Freude an der Bewegung über eine Grenze, die Menschen beim Überqueren das Leben gekostet hatte.

Die Originalgemälde verfielen rasch. Bis in die frühen 2000er Jahre waren viele verblasst, beschädigt oder mit Graffiti übermalt. 2009 beauftragte ein umstrittenes Restaurierungsprojekt die Originalkünstler (wo möglich), ihre Werke zum 20. Jahrestag neu zu streichen. Einige Künstler lehnten ab und verwiesen auf veränderte künstlerische Absichten. Einige Restaurierungen sind werkgetreu; andere spiegeln wider, wie sich die Perspektive des Künstlers in zwei Jahrzehnten verändert hatte.

Der Bruderkuss — das am häufigsten reproduzierte Bild

Dmitri Vrubels „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben” ist das meistfotografierte Bild der East Side Gallery. Es zeigt die berühmte Umarmung (Bruderkuss) zwischen dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew und dem DDR-Vorsitzenden Erich Honecker auf Basis eines Fotos, das 1979 bei den Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der DDR aufgenommen wurde.

Das Bild spielt mit dem Kontrast zwischen dem formellen sozialistischen Gruß und der visuellen Intimität eines Kusses. Vrubels Begleittext — auf Russisch und Deutsch — lautet „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben.” Das Gemälde ist satirisch und politisch: Es kommentiert die erdrückende Nähe der DDR-Beziehung zur Sowjetunion, eine Beziehung, die buchstäblich starb, als die Mauer fiel.

2009 strich Vrubel das Wandbild neu und fügte eine Signatur und das Datum hinzu. Das Original war so verwittert, dass es im Wesentlichen verschwunden war. Ob die Restaurierung das Werk erhält oder ersetzt, hat der Künstler pragmatisch beantwortet: Das Bild ist das Wichtige.

Das Wandbild wurde im Laufe der Jahre stark beschädigt und bedarf regelmäßiger Auffrischung. Die Souvenirstände, die sich bis zum Vormittag darum herum ansammeln, gehören inzwischen zu seinem Kontext.

„Es fiel die Mauer” — die durchdrängende Menge

Kani Alavis „Es fiel die Mauer” zeigt eine Menschenmenge, die durch eine Lücke vorwärtsdrängt. Die Gesichter sind komprimiert, geschichtet und individualisiert — jeder Einzelne innerhalb der Masse. Die Ausdrücke reichen von Freude über Schock bis zu Angst und Trauer.

Alavi, der im Iran geboren wurde und 1980 nach Berlin kam, malte dies aus direkter Erfahrung der Nacht des 9. November 1989. Die Komprimierung der Menge — das Gefühl von Masse und Bewegung — fängt etwas ein, das die berühmten Fernsehbilder dieser Nacht nicht zeigen: die Körperlichkeit und Emotion des Überquerens, die Tatsache, dass dies Tausenden von Menschen gleichzeitig passierte.

Das ist eines der Wandbilder, bei dem es sich lohnt, Zeit zu verbringen, anstatt es schnell zu fotografieren. Das Detail ist erheblich und die Komposition belohnt genaues Hinschauen.

Der Trabi, der die Mauer durchbricht

Birgit Kinders „Test the Rest” (auch „Trabant durch die Mauer”) gehört zu den ikonischsten Bildern der Galerie: Ein weißer Trabant, der die Mauer durchstößt, mit dem Kennzeichen „November 9, 89.”

Der Trabant (oder Trabi) war das Zweitakter-Kunststoffauto, das von 1957 an in der DDR produziert wurde. Er wurde sowohl zum Symbol des DDR-Alltags als auch zur Kurzformel für das Wirtschaftsgefälle zwischen Ost und West — Hunderttausende von Trabants überquerten in den Tagen nach dem Mauerfall nach Westberlin. Die Schlangen erstreckten sich über Kilometer.

Kinders Bild ist bewusst optimistisch und feierlich — der Trabi als Fahrzeug der Befreiung. Es wird häufig auf Merchandise reproduziert, wobei die Künstlerin gemischte Gefühle hat. Die Restaurierung 2009 veränderte einige der Originalfarben.

Die „Hand Gottes” über der geteilten Stadt

Ingrid Seyferts Wandbild zeigt zwei Hände — eine von jeder Seite einer Teilung — die aufeinander zureichen, sich aber nicht ganz berühren, mit der Berliner Skyline darunter. Die Komposition greift bewusst Michelangelos Sixtinische Kapellen-Decke auf und übersetzt einen göttlichen Schöpfungsakt in einen menschlich-politischen.

Das Werk wirft eine Frage auf, die die Galerie selbst verkörpert: Ist die Verbindung zwischen geteilten Menschen ein Willensakt, ein Zufall oder etwas, das eine Intervention von außen erfordert?

Seyferts Wandbild gehört zu den weniger reproduzierten Bildern, ist aber eines der philosophisch reichhaltigsten. Es steht am südlichen Ende der Galerie (Galerie-Abschnitt).

Der abgerissene Abschnitt — und die Kontroverse

2013 wurde ein erheblicher Teil der East Side Gallery abgerissen, um den Bau eines Fluss-Luxuswohnprojekts zu ermöglichen. Die Entscheidung löste in Berlin und international große Proteste aus — Tausende von Menschen bildeten eine Menschenkette um die Galerie. Letztendlich wurde der Abschnitt entfernt, das Projekt gebaut und dann (als teilweises Zugeständnis) die entfernten Mauersegmente neben den Neubauten wiederaufgestellt.

Der wiederaufgebaute Abschnitt ist kein Original — es ist eine Kopie der wandbildbedeckten Mauer, leicht anders positioniert als zuvor. Das Erleben des vollständigen Galeriegangs umfasst nun diesen wiederaufgebauten Abschnitt, der visuell durchgängig, aber historisch distinct ist.

Die Kontroverse um den Abriss 2013 beeinflusst weiterhin, wie Berliner zur Galerie stehen. Sie erinnert daran, dass der Status des Ortes als „Denkmal” ihn nicht vor Entwicklungsdruck schützt.

Die „Pink-Floyd-Mauer”-Verbindung

Entgegen dem, was manche Tourguides behaupten, ist die East Side Gallery nicht die „Pink-Floyd-Mauer” — Pink Floyds Album „The Wall” von 1979 und der Film von 1982 entstanden vor dem Mauerfall. Allerdings führte Roger Waters „The Wall” am 21. Juli 1990 am Potsdamer Platz auf und nutzte die Ruinen der abgerissenen Mauer als Kulisse. Das war eines der größten Konzerte der Geschichte mit über 300.000 Besuchern.

Die Verbindung zwischen Rockmusik und der politischen Mauer ist real, wird aber oft durcheinandergebracht. Die East Side Gallery entstand nach dem Mauerfall; sie ist kein Denkmal an die Mauer, wie sie existierte.

Die Originalkünstler — wer sie waren

Die 118 Künstler kamen aus aller Welt: Ost- und Westdeutschland, der Sowjetunion, Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Australien, den USA. Der Aufruf erging über Künstlernetzwerke und die Resonanz war global. Viele waren junge Künstler, die in einem Moment intensiver politischer Elektrizität arbeiteten. Einige wurden zu bedeutenden Figuren der Kunstwelt; andere sind unbekannt. Die Galerie ist damit zugleich Zeitkapsel des Moments von 1990 und Querschnitt internationaler Kunstpraxis an einem konkreten historischen Wendepunkt.

Kurze geführte Kunsttour durch die East Side Gallery

Die Galerie entlanggehen — worauf man achten sollte

Die Galerie verläuft am Nordufer der Spree zwischen Ostbahnhof und der Oberbaumbrücke — 1,3 Kilometer. Die Wandbilder zeigen zur Spree; die Außenseite (Straßenseite) der Mauer ist dicht mit zeitgenössischem Graffiti bedeckt, das seine eigene visuelle Geschichte hat.

Vom Ostbahnhof zur Oberbaumbrücke gehen (Süd nach Nord) für die konventionelle Richtung. Am Flussufer zurückgehen, um die Wandbilder von der Wasserseite zu sehen.

Der vollständige Gang dauert in gemütlichem Tempo 30–45 Minuten. Eine gründliche Erkundung — die Informationstafeln lesen, einzelne Wandbilder im Detail betrachten — braucht 90 Minuten bis zwei Stunden.

Beste Zeiten: früh morgens (vor 9 Uhr) für Fotos ohne Menschenmassen. Mittags im Sommer ist es heiß und voll. Spätnachmittags ist angenehm. Die Galerie ist jederzeit zugänglich.

Für das Viertel rund um die Galerie enthält der Friedrichshain-Ratgeber Tipps, wo man in der Nähe essen und trinken kann.

Was fehlt — die verlorenen Wandbilder

Von den ursprünglichen 118 Wandbildern sind viele heute Palimpseste — übermalt, restauriert, ersetzt. Einige sind wirklich verloren. Die historische Dokumentation der Galerie (online und in den Besucherinformationen verfügbar) verfolgt, wie die Originalgemälde aussahen.

Einige Künstler malten 1990 Wandbilder, die sie 2009 ablehnten zu restaurieren, mit dem Argument, das Original sei ortsspezifisch und zeitlich gebunden. Ihre Abschnitte zeigen nun die Werke anderer Künstler oder Restaurierungsrohlinge. Das ist eine ehrliche Antwort auf die Herausforderung, politische Kunst zu erhalten, die für einen Moment gemacht wurde.

Berliner Mauerführung und East-Side-Gallery-Rundgang

FAQ

F: Ist der Eintritt zur East Side Gallery kostenlos? Ja. Die Freilichtgalerie ist jederzeit und kostenlos zu besuchen. Keine Tickets erforderlich.

F: Darf man die Wandbilder berühren? Man kann, aber bitte nicht. Die Oberflächen verfallen und jede Berührung verschlimmert es. Die Restaurierungszyklen sind teuer und zeitaufwändig.

F: Wie lange sollte man in der East Side Gallery verbringen? Mindestens 30–45 Minuten für einen lockeren Durchgang. 90 Minuten bis zwei Stunden für einen gründlichen Besuch.

F: Wie heißt das „Bruderkuss”-Wandbild offiziell? „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben”, von Dmitri Vrubel, 1990, restauriert 2009.

F: Ist die Galerie nachts geöffnet? Ja, sie ist draußen und jederzeit zugänglich. Einige Wandbilder werden nachts beleuchtet, aber die Lichtqualität für Fotos ist gering.

F: Wo genau befindet sich die East Side Gallery? In der Mühlenstraße in Friedrichshain, zwischen dem S-Bahnhof Ostbahnhof und der Oberbaumbrücke. Der nächste S-Bahnhof ist Ostbahnhof.

F: Wurden alle Wandbilder ursprünglich 1990 gemalt? Ja, die Originalgemälde stammen aus dem Jahr 1990. Viele wurden 2009 restauriert (von den Originalkünstlern oder anderen neu gestrichen). Einige Abschnitte befinden sich jetzt in ihrer dritten oder vierten Iteration.