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Berlins Musikgeschichte — Bowie und Iggy, Hansa Studios und der Aufstieg des Techno

Berlins Musikgeschichte — Bowie und Iggy, Hansa Studios und der Aufstieg des Techno

Welche Bedeutung hat Berlin in der Musikgeschichte?

Berlin war der Ort von David Bowies und Iggy Pops künstlerisch bedeutendster Phase (1976–1978), in der die „Berlin-Trilogie" in den Hansa Studios nahe der Mauer entstand. Nach 1989 wurden die leerstehenden Räume Ost-Berlins zur Keimzelle der Technokultur — Tresor, E-Werk und später Berghain schufen aus den Trümmern einer geteilten Stadt eine weltweite Bewegung elektronischer Musik.

Welche Bedeutung hat Berlin in der Musikgeschichte? Berlin gab David Bowie den künstlerischen Anstoß für sein einflussreichstes Werk. Es bot der Technomusik die physischen Räume — leer, unreguliert, günstig —, die nötig waren, um sich von einer Subkultur zu einer globalen Bewegung zu entwickeln. Die besondere Geschichte der Stadt als geteilte, wiederaufgebaute und von Narben gezeichnete Metropole brachte Musik hervor, die nirgendwo sonst hätte entstehen können.


West-Berlin als künstlerischer Zufluchtsort — der Kontext der 1970er Jahre

Um zu verstehen, warum Berlin Künstler wie Bowie in den 1970er Jahren anzog, muss man West-Berlins eigenartigen politischen Status begreifen. Die westliche Hälfte der Stadt war eine kapitalistische Enklave 170 km im Innern der DDR, von der Mauer umgeben und wirtschaftlich abhängig von westdeutschen Bundessubventionen. Diese Isolation und die Subventionen schufen ungewöhnliche gesellschaftliche Verhältnisse.

West-Berliner Männer waren von der westdeutschen Wehrpflicht befreit — sie lebten bereits in einer „Frontstadt” und wurden vom westdeutschen Staat nicht eingezogen. Das machte West-Berlin zum Magneten für Menschen, die dem Militärdienst entgehen wollten, und brachte überproportional viele junge Künstler, Musiker und politische Aktivisten hervor.

Die Mieten waren nach westeuropäischen Maßstäben außerordentlich günstig. Gebäude in der Nähe der Mauer — für das bürgerliche Berlin die unattraktivsten Lagen — konnten zu minimalen Kosten gemietet oder besetzt werden. Kreuzberg und Schöneberg, die im Westen an die Mauer grenzten, wurden zu Zentren dieser Alternativkultur.

Die Atmosphäre war zugleich kreativ und nihilistisch — West-Berlin war eine Stadt, die sich gleichzeitig zentral (in ihrer Bedeutung als Kalter-Krieg-Symbol) und endgültig peripher anfühlte (eingeschlossen, subventioniert, ohne echte Wachstumsmöglichkeit). Diese Spannung entsprach einer bestimmten Art künstlerischer Energie.


David Bowie in Berlin — die Fakten

David Bowie kam Ende 1976 in einer persönlichen und künstlerischen Krise nach Berlin. Seine Karriere hatte außerordentliche kommerzielle Erfolge hervorgebracht (Ziggy Stardust, Diamond Dogs, Young Americans), doch Kokainsucht und das überhitzte Los-Angeles-Leben hatten ihn nach eigener Aussage physisch erschöpft und künstlerisch in eine Sackgasse geführt.

Berlin bot das Gegenteil: Anonymität, günstiges Leben, ein Arbeitsumfeld (Hansa Studios) nahe seiner Wohnung und die Gesellschaft von Iggy Pop, der ähnliche Gründe hatte, dem amerikanischen Rockbetrieb zu entkommen.

Hansa Studios: Das Hansa Tonstudio in der Köthener Straße 38, damals in Kreuzberg (die unmittelbare Umgebung lag nahe der Mauer), war der Ort der musikalischen Transformation. Der große Hauptraum — Studio 2 — hatte eine ungewöhnlich große Live-Fläche, und Bowie, Iggy Pop, Brian Eno und Tony Visconti nutzten den akustischen Charakter des Raums als Teil der klanglichen Palette.

Die Nähe zur Mauer war kein Zufall. Aus den Fenstern der Hansa Studios blickte Bowie während der Aufnahmen zu Heroes 1977 auf die Mauer und den Todesstreifen. Das Lied „Heroes” wurde zum Teil durch den Anblick zweier Liebender inspiriert, die sich im Schatten der Mauer trafen — eine Szene, bei der es sich möglicherweise um seinen Gitarristen Robert Fripp und die Produzentin Antonia Maas handelte, auch wenn diese Identifizierung unsicher ist.

Heroes (das Lied) wurde aufgenommen, indem die Mikrofone in drei verschiedenen Abständen zur Klangquelle positioniert wurden: eines nah, zwei mit zunehmendem Abstand, was beim Aufbau des Stücks ein Gefühl wachsender Größe erzeugte. Der Raumklang des Aufnahmesaals ist in dieser Aufnahme ebenso bedeutsam wie jedes einzelne Instrument.

Low und Heroes als Alben: Low (Januar 1977) begründete den „Berlin”-Ansatz — Seite eins mit fragmentierten, emotional undurchdringlichen Songs; Seite zwei mit größtenteils ambient-instrumentalen Stücken, die Synthesizer neben konventionellen Instrumenten einsetzten. Heroes (Oktober 1977) verfeinerte diesen Ansatz mit ausgearbeiteten Songs auf Seite eins und entwickelteren Instrumentalstücken auf Seite zwei. Der Einfluss des Krautrock (insbesondere Neu! und Cluster) sowie der Synthesizerexperimente von Tangerine Dream ist deutlich hörbar.

Lodger (1979) schloss die Trilogie ab, obwohl er größtenteils in Montreux aufgenommen wurde. Er wird üblicherweise zur Trilogie gezählt, da Besetzung und Ansatz übereinstimmen, doch Berlins Einfluss ist weniger direkt.

Die Wohnung in der Hauptstraße 155: Bowie und Pop teilten sich in dieser Schöneberger Wohnanlage während ihrer Berliner Jahre eine Wohnung. Die Adresse ist mit einer Bronzetafel markiert. Das Gebäude liegt wenige Minuten vom U-Bahnhof Innsbrucker Platz der U4 entfernt. Es handelt sich um Privatbesitz; Außenansicht und Tafel sind von der Straße aus zu besichtigen.


Iggy Pops Berliner Werk

Iggy Pops Berliner Alben — The Idiot (März 1977) und Lust for Life (September 1977) — wurden von Bowie produziert und hauptsächlich im Château d’Hérouville in Frankreich und im Musicland in München aufgenommen, mit Teilen bei Hansa. Sie werden oft gemeinsam mit Bowies Berlin-Trilogie als Ausdruck desselben Moments betrachtet, und sowohl Bowie als auch Pop behandeln sie als gemeinsames künstlerisches Projekt.

The Idiot war eine ungewöhnliche Platte: minimal, kalt, mit industriellen Untertönen und einer distanzierten Gesangsdarbietung. „China Girl” (später von Bowie neu aufgenommen) und „Nightclubbing” prägten die Ästhetik des Albums. Lust for Life hingegen war energetisch und direkt — „Lust for Life” und „The Passenger” zählen bis heute zu den dauerhaftesten Songs der Ära.


Einstürzende Neubauten und Industrialmusik

Während Bowie sein künstlerisch ausgefeiltestes Werk aufnahm, entwickelte sich in der West-Berliner Hausbesetzerszene eine andere Musikbewegung. Einstürzende Neubauten, 1980 von Blixa Bargeld und anderen gegründet, begründeten die Industrial Music — Aufführungen mit Elektrowerkzeugen, Baumaschinen, Metallplatten und konventionellen Instrumenten neben Schreivokals.

Name und Ästhetik der Band waren explizite Reaktionen auf die physische Umgebung West-Berlins: eine Stadt, in der die Mauer und die sie umgebende Verwüstung Bauen (und Abbrechen) zu einer allgegenwärtigen Realität machten. Frühe Aufnahmen entstanden zum Teil an Originalschauplätzen der Stadt — die Geräusche von Baustellen und Infrastruktur wurden direkt einbezogen.

Einstürzende Neubauten sind bis heute aktiv. Blixa Bargeld spielte zudem zwei Jahrzehnte lang Gitarre in Nick Caves Bad Seeds — ein weiterer Strang der gegenseitigen Befruchtung zwischen der Berliner Musikszene und der breiteren Post-Punk-Entwicklung.


Der Mauerfall und die Geburt des Techno

Der Zusammenhang zwischen Berlins Technoszene und dem Mauerfall ist kein Mythos — er ist buchstäblich und dokumentierbar.

Detroit Techno erreichte West-Berlin Mitte bis Ende der 1980er Jahre über zwei Kanäle: amerikanische Soldaten, die in Deutschland stationiert waren und Schallplatten aus den USA mitbrachten, sowie deutsche DJs, die über die Musikpresse und frühe Exporte Kontakt zu Detroiter Produzenten (insbesondere Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson) herstellten.

Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, bot das gebaute Umfeld Ost-Berlins, was das vergleichsweise konventionelle West-Berlin nicht hatte: riesige, leere, unkontrollierte Räume ohne funktionierenden Immobilienmarkt, ohne Durchsetzung von Vorschriften und ohne klare Eigentumsverhältnisse.

Die wichtigsten frühen Spielorte:

Tresor (1991): Gegründet von Dimitri Hegemann, eröffnete der Tresor im Kellergewölbe des ehemaligen Kaufhauses Wertheim an der West-Ost-Berliner Grenze am Potsdamer Platz. Das Gewölbe hatte den Krieg und den anschließenden Verfall des Geländes überdauert. Die Kombination aus genuiner industrieller Atmosphäre — niedrige Decken, freigelegter Stahl, das Gewölbe selbst — mit Detroiter Techno-DJs (Richie Hawtin, Robert Hood, Surgeon traten früh im Tresor auf) schuf die Blaupause der Berliner Clubkultur. Tresor gründete auch ein Plattenlabel, das zu einem der bedeutendsten in der elektronischen Musik wurde.

E-Werk (1993): Das ehemalige Elektrizitätswerk in der Wilhelmstraße in Mitte eröffnete als Club und wurde berüchtigt für seine Ausmaße — ein riesiger Hauptraum, der mehrere Tausend Menschen fasste — sowie für die Radikalität der Musik und des darin stattfindenden Verhaltens. Das E-Werk schloss 1997.

Bunker: Im echten Zweiten-Weltkrieg-Bunker in der Reinhardtstraße (heute das Kunstmuseum der Sammlung Boros) war der Bunker der extremste frühe Club — sehr dunkel, kein Tageslicht, Betonwände, Lärm. Er schloss Ende der 1990er Jahre. Das Gebäude wurde von Christian Boros erworben und zum privaten Kunstmuseum umgebaut (Details zur Sammlung Boros im Guide zur zeitgenössischen Berliner Kunstszene).


Berghain und die reife Clubszene

Berghain, das 2004 in einem ehemaligen Heizkraftwerk in der Revaler Straße in Friedrichshain eröffnete, ist heute der weltweit bekannteste Technoclub. Sein Ruf beruht auf der Qualität seines DJ-Programms, seiner physischen Umgebung (riesiger Hauptsaal, dunkel, industriell) und der ungewöhnlichen Türpolitik, die den Einlass so reguliert, dass die interne Atmosphäre ihren Charakter behält.

Berghains Bedeutung für die Berliner Musikszene liegt darin, dass es die institutionell ausgereifte Form dessen ist, was 1991 in Tresors Keller begann. Es ist keine spontane Besetzung eines verfallenen Raums mehr — es ist eine hochgradig geführte Institution mit ausgedehntem Programm und erheblichem kulturellen Kapital.

Praktische Informationen zum Besuch des Berghain — Türpolitik, Kleidung, was erwartet wird — im Berghain-Guide. Für die breitere Technoclubszene jenseits des Berghain siehe den Berliner Technoclub-Guide.


Wo man Berlins Musikgeschichte heute verfolgen kann

Hansa Studios, Köthener Straße 38: Das Gebäude ist erkennbar und mit einer Tafel markiert. Die Studios sind in Betrieb und nicht öffentlich zugänglich, aber die Außenfassade und die Umgebung sind einen Besuch wert. Die Bowie-Tafel ist von der Straße aus sichtbar. Man läuft von Potsdamer Platz südlich entlang des ehemaligen Mauerstreifens — das Studio liegt nah an der Stelle, wo die Mauer verlief.

Hauptstraße 155, Schöneberg: Die Bowie-Iggy-Pop-Wohnung. U4 bis Innsbrucker Platz, dann nordöstlich entlang der Hauptstraße. Gedenktafel an der Hausfassade.

Tresor, Köpenicker Straße 70: Der aktuelle Tresor ist freitags und samstags in einem umgebauten Kraftwerk geöffnet. Eingang in der Köpenicker Straße, nahe dem Ostbahnhof. Der visuelle Charakter des Clubs setzt die Tresor-Ästhetik industrieller Räume fort.

Berghain, Am Wriezener Bahnhof: In Friedrichshain ist das Gebäude auch außerhalb der Öffnungszeiten von der Straße aus sichtbar. Das Äußere — ein ehemaliges GDR-Heizkraftwerk — ist charakteristisch für die Nachwendebesetzer industrieller Flächen.


Praxisplanung — Musikgeschichte und Nachtleben kombinieren

Berlins Musikgeschichte ist kompakt genug für einen Tagesausflug zu Fuß und mit der U-Bahn:

Morgens: Vom Potsdamer Platz an den Hansa Studios in der Köthener Straße vorbei (mit Blick auf den ehemaligen Mauerstreifen) zum Tresor in der Köpenicker Straße (30–40 Minuten zu Fuß durch Kreuzberg und entlang des ehemaligen Grenzgebiets).

Nachmittags: U-Bahn zum Innsbrucker Platz für die Wohnung in der Hauptstraße. Zurück nach Friedrichshain zum RAW-Gelände und zum Berghain von außen.

Für den Clubbesuch am Abend: der Guide zu Berlins Nachtleben-Vierteln.

Für die breitere Berliner Alternativkultur, zu der die Musikszene gehört: der Guide zur Geschichte der Berliner Clubkultur.


Häufige Fragen zu Berlins Musikgeschichte

  • Was waren David Bowies Berliner Alben?
    Die „Berlin-Trilogie" besteht aus drei überwiegend in Berlin entstandenen Alben: Low (1977), Heroes (1977) und Lodger (1979). Low und Heroes wurden im Hansa Tonstudio (heute Hansa Studios) in der Köthener Straße 38 aufgenommen, nahe der Mauer. Die von Brian Eno und Tony Visconti produzierten Alben markierten einen radikalen Bruch mit Bowies Ziggy-Stardust-Ära — ambient und elektronisch, beeinflusst vom Krautrock.
  • Wo befinden sich die Hansa Studios und kann man sie besichtigen?
    Die Hansa Studios liegen in der Köthener Straße 38 in Kreuzberg, rund 200 Meter von der ehemaligen Berliner Mauer entfernt. Das Studio ist weiterhin als Aufnahmestudio in Betrieb (U2, Iggy Pop, Depeche Mode und viele andere haben hier aufgenommen). Es ist nicht öffentlich zugänglich. Eine blaue Gedenktafel am Gebäude markiert es als historische Stätte.
  • Wo lebten Bowie und Iggy Pop in Berlin?
    David Bowie und Iggy Pop teilten sich von 1976 bis 1978 eine Wohnung in der Hauptstraße 155 in Schöneberg. Das Gebäude ist heute mit einer Gedenktafel versehen. Es liegt wenige Gehminuten vom U-Bahnhof Innsbrucker Platz entfernt. Die Wohnung ist privat und nicht zugänglich.
  • Wie entwickelte sich Techno in Berlin nach 1989?
    Der Mauerfall öffnete weite Teile des desolaten Ost-Berlins — leerstehende Lagerhallen, unterirdische Bunker und Industrieflächen — für spontane Nutzung. Eine Gruppe von DJs und Veranstaltern, beeinflusst von Detroit Techno und Chicago House (der zum Teil durch in Deutschland stationierte amerikanische Soldaten nach Deutschland gelangte), begann, in diesen Räumen Partys zu organisieren. Der Tresor, der 1991 im Keller des ehemaligen Kaufhauses Wertheim am Potsdamer Platz eröffnete, wurde zum prägenden Veranstaltungsort.
  • Was ist der Tresor und ist er noch geöffnet?
    Der Tresor ist der Club, der am stärksten mit den Anfängen des Berliner Techno verbunden ist. Der ursprüngliche Standort am Potsdamer Platz (im Gewölbekeller eines Vorkriegskaufhauses) war von 1991 bis 2005 in Betrieb. Ein neuer Tresor eröffnete 2007 in der Köpenicker Straße 70 in einem ehemaligen Kraftwerk und ist bis heute in Betrieb. Er gilt weiterhin als einer der bedeutendsten Clubs für elektronische Musik weltweit.
  • Haben andere berühmte Musiker in Berlin gelebt oder aufgenommen?
    Ja. Iggy Pops The Idiot (1977) und Lust for Life (1977) entstanden ebenfalls in Berlin. Depeche Mode nahm ausgiebig in den Hansa Studios auf. Nick Cave lebte in den 1980er Jahren in Berlin, und die Stadt beeinflusste die Alben von The Birthday Party und die frühen Bad Seeds. Die 1980 in West-Berlin gegründeten Einstürzenden Neubauten begründeten die Industrialmusik, indem sie Baustellengeräusche der Stadt nutzten. Die deutschen Bands Tangerine Dream, Klaus Schulze und die frühe elektronische Krautrock-Szene hatten ihren Ursprung teilweise in West-Berlin.