Berlins beste Fotolocations — ein ehrlicher Guide
Berlin ist eine der fotogensten Städte Europas — nicht weil sie konventionell schön wäre, das ist sie verglichen mit Paris oder Prag nicht, sondern weil sie Schichten hat. Geschichte ist in der Architektur sichtbar. Die Straßenkunst ist die hochwertigste weltweit. Das Licht im Sommer ist außergewöhnlich (die Stadt liegt auf 52 Grad nördlicher Breite, was im Juni und Juli lange goldene Stunden bedeutet). Und anders als in vielen überfotografierten europäischen Städten gibt es in Berlin noch Ecken, die sich wirklich unentdeckt anfühlen.
Dieser Guide richtet sich an Fotografen und ernstzunehmende Handyfotografen und liefert ehrliche Hinweise zu Timing, Zugang und dazu, welche Locations den Aufwand tatsächlich rechtfertigen.
East Side Gallery — jenseits der offensichtlichen Aufnahmen
Die East Side Gallery ist das längste noch erhaltene Stück der Berliner Mauer, überzogen mit Wandbildern, die 1990 gemalt und seitdem restauriert wurden. Es ist einer der meistfotografierten Orte Berlins, aber die meisten Besucher fotografieren dieselben drei oder vier Motive und verpassen den Rest.
Für Fotografen: Früh morgens ankommen (im Sommer vor 8 Uhr) für leere Abschnitte und weiches Licht aus dem Osten. Das Wandbild von Dmitri Wrubl „Der Bruderkuss” (Breschnew und Honecker) ist das meistverbreitete Motiv, wird aber ab 10 Uhr von Souvenirständen eingerahmt. Das Wandbild von Kani Alawi „Es fiel die Mauer” ist vielschichtiger und weniger fotografiert.
Der vollständige 1,3 Kilometer lange Abschnitt umfasst über 100 Wandbilder von verschiedenen Künstlern. Den gesamten Weg entlangzugehen und auf sich wirken zu lassen, was einen anspricht, ist lohnender als direkt auf die bekannten Spots zuzusteuern.
Hintergrundinformationen zu den einzelnen Wandbildern und ihren Geschichten liefert der East-Side-Gallery-Guide.
Street Art in Kreuzberg und Friedrichshain
Berlins Straßenkunstszene ist kein dekorativer Lückenfüller — sie ist eine der bedeutendsten Konzentrationen urbaner Kunst weltweit. Die Gegend rund um die Cuvrystraße in Kreuzberg, den Boxhagener Platz in Friedrichshain und der RAW-Tempel-Komplex bieten die dichtesten Konzentrationen.
RAW Tempel (Revaler Straße, Friedrichshain): Eine ehemalige Eisenbahnwerkstatt, heute ein Kulturkomplex mit Clubs, einem Flohmarkt (am Wochenende) und ausgedehnten Wandflächen voller Wandbilder. Tagsüber frei zugänglich. Die Kombination aus Verfall und Kunst macht ihn visuell außergewöhnlich stark.
Cuvrystraße / Schlesische Straße: Das große verlassene Grundstück an der Cuvrystraße beherbergte einst die berühmte Cuvry-Graffiti-Installation. Das Gelände wurde neu bebaut, aber die umliegenden Straßen zeigen weiterhin hochwertige Wandbilder. Die Straßen zwischen dem Fluss und dem Görlitzer Park zu Fuß erkunden.
Boxhagener Platz: Der Platz wird von Altbau-Wohnhäusern mit Wandmalereien gesäumt. Der Sonntagsflohmarkt bringt lebhafte Straßenstimmung.
Der Kreuzberg-Street-Art-Guide und der Berlin-Street-Art-Guide bieten kartierte Rundwege.
Teufelsberg — urbaner Verfall und Stadtpanorama
Der Teufelsberg ist ein künstlicher Hügel im Grunewald, aufgeschüttet aus den Trümmern des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Berlins. Oben steht eine verlassene amerikanische Abhörstation aus dem Kalten Krieg mit kugelförmigen Radom-Kuppeln, die heute mit Straßenkunst bedeckt sind.
Der Eintritt kostet eine kleine Gebühr, der Zugang erfolgt über Führungen oder Freizeiten, die je nach Tag und Saison variieren — vor dem Besuch informieren. Der Blick über Berlin von oben gehört zu den schönsten der Stadt, und das Innere der Kuppeln bietet außergewöhnliche Akustik und vielschichtige Wandmalereien, die Zeit verdienen.
Der Weg dorthin erfordert Planung: S-Bahn zum Bahnhof Grunewald, dann 20–30 Minuten zu Fuß oder per Taxi/Uber. Kein spontaner Stopp, aber für die Aussicht und die Atmosphäre lohnt sich der Aufwand.
Tempelhofer Feld
Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist heute ein öffentlicher Park mit 386 Hektar. Die Startbahnen sind noch vorhanden, jetzt von Radfahrern und Skatern genutzt. Das Abfertigungsgebäude — eines der größten Gebäude der Welt gemessen an der Grundfläche — bildet eine außergewöhnliche Kulisse.
Fotografisch gesehen: Die Kombination aus dem abgespeckten Flugfeld, dem grauen Brutalistenterminal, den Drachenfliegern und dem offenen Himmel ergibt eindrucksvolle Bilder. Das Gefühl von Weite ist ungewöhnlich in einem städtischen Umfeld. Der Sonnenuntergang vom Feld aus, mit dem Terminal im goldenen Licht, ist besonders stark.
Der Eintritt ist frei, das Feld von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geöffnet. Das Terminal ist gelegentlich über Führungen zugänglich.
Berliner Dom und Museumsinsel vom Wasser
Die Standardaufnahme des Berliner Doms zeigt ihn von vorne, vom Lustgarten. Besser: vom Fluss aus, von einer Brücke oder von einem Spreeboot, wo Dom, der wiederaufgebaute Stadtpalast (das Humboldtforum) und die Museumsgebäude eine dichte historische Schichtung ergeben.
Die Weidendammer Brücke über die Spree ist ein klassischer Fotografenspot wegen ihrer gusseisernen Ornamente und des Blicks flussaufwärts zur Domkuppel. Früh morgens vor dem Touristenverkehr gelingen sauberere Aufnahmen.
Der Museumsinsel-Guide liefert den architektonischen Kontext, wenn man verstehen möchte, was man fotografiert.
Die Reichstagskuppel bei Nacht
Die Reichstagskuppel ist eines der markantesten Architekturelemente Berlins — ein Glaskegel über dem Parlamentsgebäude mit einem Spiegeltrichter in der Mitte, der natürliches Licht in den Plenarsaal leitet. Bei Nacht, von innen beleuchtet, ist sie visuell eindrucksvoll.
Der Besuch erfordert eine kostenlose Voranmeldung über bundestag.de. Der spiralförmige Glasgang im Inneren der Kuppel ist selbst ein lohnenswertes Fotografiermotiv. Der Dachblick über Berlin, besonders in der Dämmerung, erfasst das Brandenburger Tor, den Fernsehturm und das Regierungsviertel.
So früh wie möglich buchen — Plätze sind im Sommer Wochen im Voraus ausgebucht.
Die Hackeschen Höfe
Die Hackeschen Höfe in Mitte sind ein 1906–1907 im Jugendstil erbautes Ensemble aus miteinander verbundenen Innenhöfen (Hinterhöfen). Der erste Hof ist der aufwendigste und dekorativste; die folgenden Höfe sind funktionaler, zeigen aber, wie Berlin seinen Raum vielschichtig nutzt.
Fotografisch arbeitet man hier am besten im weichen Morgenlicht. Die Fliesenverkleidung des ersten Hofs (Schminkwerk) ist besonders sehenswert. Der Komplex ist während der Geschäftszeiten öffentlich zugänglich.
Mauerpark am Sonntag
Der Mauerpark am Sonntag ist entweder das beste Straßenfotomotiv Berlins oder eine Übung in Menschentoleranz, je nach persönlicher Vorliebe. Der große Flohmarkt zieht Tausende an. Das Freiluftamphitheater zeigt ab ca. 15 Uhr eine berühmte kostenlose Karaoke-Vorstellung (Bearpit Karaoke), die wirklich fröhlich und fotogen ist.
Für Fotografen: Um 10 Uhr ankommen, wenn der Markt noch aufgebaut wird und mehr Platz ist. Bis Mittag ist es dicht. Die Flohmarktstände, Straßenmusiker, Foodtrucks und die bunte Mischung der Besucher machen ihn zu einem reichen Dokumentarfoto-Motiv. Der Abschnitt nahe dem ehemaligen Todesstreifen — jetzt ein Parkweg — ist ruhiger und zeigt den früheren Verlauf der Mauer.
Der Mauerpark-Guide beschreibt Flohmarkt und Karaoke im Detail.
Klunkerkranich auf dem Dach
Klunkerkranich ist eine Dachterrassen-Bar und ein Kulturort auf dem Dach der Neukölln Arcaden in der Karl-Marx-Straße. Er bietet einen Dachgarten mit Panoramablick über das Viertel und die Stadt. Eintritt ca. 2–4 €, je nach Tag.
Kein höchster Aussichtspunkt Berlins, aber er erfasst die Textur des westlichen Neuköllns und die Berliner Stadtlandschaft besonders gut. Bestes Licht am späten Nachmittag, wenn die Sonne schräg über die Dächer fällt.
Fernsehturm und Alexanderplatz
Der Fernsehturm ist das bekannteste Berliner Wahrzeichen — 368 Meter hoch, von fast überall in der Stadt sichtbar. Die Kugel oben beherbergt eine Aussichtsplattform (auf 203 Metern) und ein Drehrestaurant.
Fotografisch: Von unten funktioniert der Turm am besten als Referenzpunkt oder Maßstab neben anderer Berliner Architektur. Von innen bietet die Aussichtsplattform einen 360-Grad-Panoramablick, wobei das Glas reflektieren kann und die Menschenmassen an Sommerwochenenden dicht sein können.
Tickets können ausverkauft sein — online im Voraus buchen. Der Berliner-Fernsehturm-Guide erklärt die verschiedenen Ticketoptionen und welche Perspektiven für die Fotografie am besten taugen.
Viktoriapark: Wasserfall und Kreuzberg-Aussicht
Der Viktoriapark in Kreuzberg hat einen kleinen Kunstwasserfall und einen Aussichtspunkt oben mit Blick auf Fernsehturm und Mitte. 15 Gehminuten vom U-Bahnhof Mehringdamm. Fast kein Tourist kennt ihn. Der Ausblick von oben mit dem gusseisernen Schinkel-Denkmal ist bei Sonnenuntergang besonders schön.
Fototipps für Berlin
Goldene Stunde: Berlin hat im Juni goldenes Licht von etwa 20:30 bis 21:30 Uhr, Sonnenuntergang nach 21 Uhr. Das Abendlicht ist außergewöhnlich, und die Straßen sind noch belebt.
Bedeckte Tage: Für Street Photography und Streetart sind bedeckte Tage besser als pralle Sonne — keine harten Schatten, keine ausgebrannten Lichter. Nasse Pflastersteine nach einem Regenschauer geben schöne Reflexionen.
Überfüllte Orte: Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie und das Holocaust-Mahnmal lohnen als Fotomotive, sind aber ab 10 Uhr dicht besetzt. Im Sommer vor 8 Uhr hingehen.
Drohnen-Fotografie: Erfordert Genehmigungen und ist in weiten Teilen der Berliner Innenstadt aufgrund des Luftraums rund um den Reichstag und das Regierungsviertel eingeschränkt. Aktuelle Bestimmungen vor dem Fliegen prüfen.
FAQ
F: Was ist der meistfotografierte Ort in Berlin? Das Brandenburger Tor, gefolgt von East Side Gallery und Checkpoint Charlie. Alle drei sind stark frequentiert; früh morgens gelingen sauberere Aufnahmen.
F: Lohnt sich der Teufelsberg für Fotos? Ja, wenn man sich für Urbex und Kalten-Krieg-Geschichte interessiert sowie für Fotografie. Die Fahrt von der Berliner Innenstadt dauert 45–60 Minuten. Am besten einen halben Tag einplanen.
F: Darf man im Berghain fotografieren? Nein. An der Tür werden Kameraaufkleber auf Handykameras geklebt, und jegliche Fotografie im Inneren ist verboten.
F: Wo sieht man den Fernsehturm am besten? Vom Alexanderplatz aus in Richtung Süden oder von der Karl-Marx-Allee in Richtung Westen. Die lange sowjetische Prachtstraße der Karl-Marx-Allee gibt dem Turm eine dramatische Rahmung.
F: Gibt es Fotoführungen in Berlin? Ja — Führungen speziell für Fotografen gibt es, meist in den Street-Art-Gebieten. Die Berlin-Alternative-Führungen-Seite deckt einen Teil des gleichen Geländes mit einem Guide ab.
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